Ein leerer Bahnhofsflur bei Nacht, gedämpftes Licht, lange Schatten

21. Dezember 2023

Wenn einer sich außerhalb verliebt

Sie erzählt es zum ersten Mal einer alten Freundin. Sie sitzen im Auto, auf einem Parkplatz an einer Landstraße in Niedersachsen, weil sie zu Hause niemand hören soll. Sie sagt nicht, dass etwas passiert sei, sondern dass sie Angst habe, dass etwas passiere. Sie hat einen Kollegen, mit dem sie seit Monaten zusammen Projekte macht, und seit ein paar Wochen denkt sie abends an ihn, wenn sie in die Küche geht und den Kühlschrank aufmacht, und sie weiß, das ist nichts Harmloses mehr.

An diesem Punkt stehen mehr Paare, als man denkt. Nur sind es andere Punkte, an anderen Orten, mit anderen Namen. Die Geschichte ist meist dieselbe.

Der Ort, an dem etwas entsteht

Solche Verliebtheiten entstehen selten im Nirgendwo. Sie entstehen dort, wo zwei Dinge zusammenkommen: ein Mangel und eine Möglichkeit. Der Mangel muss nicht dramatisch sein. Oft ist es nur das leise Gefühl, zu Hause seit Jahren nicht mehr wirklich interessant zu sein. Nicht mehr überrascht zu werden. Nicht mehr gesehen zu werden in dem, was man gerade ist, sondern nur in dem, was man immer war.

Die Möglichkeit ist dann jemand, dem man beiläufig begegnet, und der einen neu anschaut. Der lacht über einen Satz, den zu Hause keiner mehr hört. Der eine Frage stellt, die keiner mehr stellt. Das ist nicht gefährlich, solange es dabei bleibt. Es wird gefährlich, wenn der eigene Blick anfängt, am nächsten Treffen zu hängen.

Was diese Verliebtheit mit einem macht

Sie beschönigt. Sie verklärt. Sie reduziert den anderen, den fernen, auf seine besten zwei Stunden und vergisst, dass dieser andere auch abends im Halbdunkel sitzt und genauso langweilige Füße hat wie der, den man zu Hause hat.

Darin liegt die Täuschung, die solche Verliebtheiten so mächtig macht: Man vergleicht einen Ausschnitt mit einem Ganzen. Den fremden Ausschnitt mit dem eigenen Ganzen. Den fremden Sonntagnachmittag, der nicht existiert, mit dem eigenen, der auf dem Sofa liegt und schnarcht.

Der Punkt, an dem Paare zerbrechen

Es gibt einen Moment, in dem solche Geschichten über sich selbst entscheiden. Das ist fast nie der Moment des ersten Kusses, wie gerne erzählt wird. Das ist früher. Es ist der Moment, in dem der eine dem anderen, dem eigenen Partner, etwas vorenthält. Nicht unbedingt die Sache selbst. Oft nur die Tatsache, dass diese Sache da ist. Dass da jemand ist, der einem mehr bedeutet, als er sollte.

Ab diesem Moment leben zwei Menschen in derselben Wohnung, aber nicht mehr in derselben Gegenwart. Der eine weiß mehr als der andere. Und was der eine mehr weiß, isoliert ihn langsam. Er redet ein bisschen anders. Er hält ein bisschen länger inne, bevor er das Licht löscht. Er spürt selbst, dass er nicht mehr derselbe ist, und er weiß nicht, wohin damit.

Der Weg, der nicht üblich ist

Manche Paare gehen an dieser Stelle einen Weg, der selten erzählt wird, weil er unheldenhaft klingt. Sie sprechen darüber, bevor etwas Irreversibles geschehen ist. Nicht als Geständnis. Eher als leise Warnung an sich selbst. Ein Satz wie: Ich bin gerade an einer Stelle, an der ich Abstand brauche, und ich will, dass du das weißt.

Das ist fast nie leicht. Der andere ist im ersten Moment verletzt, manchmal wütend. Manchmal geht er erst einmal aus dem Raum. Aber das, was dann folgt, ist etwas, was eine heimliche Affäre nie leisten kann. Ein gemeinsames Hinschauen auf das, was eigentlich fehlt. Die Frage, warum der Kühlschrankmoment überhaupt entstehen konnte.

Manche Paare überstehen so eine Krise gestärkt. Nicht, weil sie die Versuchung weggeschoben hätten, sondern weil sie sie benutzt haben. Als Anlass, etwas anzusehen, was lange unbeleuchtet war. Andere kommen nicht durch. Auch das muss man sagen.

Was offenbleibt

Die Frau auf dem Parkplatz redet fertig, ihre Freundin schweigt eine Weile. Dann fragt sie nur: Weiß er davon? Nein, sagt sie. Noch nicht. Sie sitzt im Auto, die Scheiben beschlagen, draußen beginnt es zu regnen. Sie weiß, dass das, was sie jetzt tut oder nicht tut, viele Jahre tragen wird.

Es gibt an solchen Stellen keine richtige Antwort, die einem jemand ausspricht. Es gibt nur die Frage, wie man mit sich selbst weiterleben möchte. Das ist die Frage, die solche Geschichten am Ende aufmachen. Sie beantwortet sich nicht an diesem Abend.