21. Juli 2024
Was Liebe nicht ist
In einem Café an einem Dienstagvormittag sitzt eine Frau Mitte fünfzig und erzählt einer Freundin: Ich weiß gar nicht mehr, ob das noch Liebe ist. Wir streiten selten, wir haben gemeinsame Kinder, wir mögen uns. Aber dieses Kribbeln, weißt du, das habe ich lange nicht mehr gespürt. Die Freundin nickt. Zwei Tische weiter hört eine andere Frau mit, die vor einer Woche fünfzig geworden ist, und denkt dasselbe, ohne etwas zu sagen.
Was in solchen Gesprächen verhandelt wird, ist selten ein Mangel. Häufiger ein Missverständnis. Eine Vorstellung davon, was Liebe sei, die aus Romanen, Filmen und aus der eigenen Verliebtheit von vor fünfundzwanzig Jahren stammt. Sie ist so vertraut, dass sie kaum mehr hinterfragt wird. Und sie beschwert viele Ehen in einer Weise, die mit den Ehen selbst wenig zu tun hat.
Liebe ist nicht das dauernde Aufregungsgefühl
Das erste Missverständnis ist das häufigste. Es lautet: Wenn ich den anderen nicht mehr wie am Anfang brauche, wenn mir das Herz nicht mehr schlägt, wenn ich ihn ohne Drama neben mir sitzen sehen kann — dann ist da keine Liebe mehr. Diese Gleichung stimmt in keinem der Fälle, in denen sie gezogen wird.
Aufregung ist das Merkmal des Anfangs. Sie entsteht aus Unsicherheit: Man weiß noch nicht, ob der andere bleibt, man weiß noch nicht, wie er auf eine schlechte Nachricht reagiert, man weiß noch nicht, wie er sich beim Zahnarzt verhält. Wenn man all das weiß, verschwindet die Aufregung, weil sie ihre Grundlage verliert. Das ist nicht das Ende der Liebe. Es ist das Ende der Unsicherheit, aus der die Aufregung gespeist wurde.
Liebe ist nicht dauernde Harmonie
Das zweite Missverständnis entsteht an der entgegengesetzten Stelle. Es behauptet: Echte Liebe bedeute, dass man sich im Grundsatz versteht, dass Streit selten sei, dass zwei Menschen, die wirklich zusammenpassen, nur an Nebenfragen aneinandergeraten. Auch das ist eine hübsche Idee, die im Alltag wenig taugt.
Zwei Menschen, die zusammen leben, sind zwei Menschen, die ständig an denselben Punkten aufeinandertreffen. An Wochenendplänen. An Geldfragen. An der Frage, wie laut im Auto Musik gehört wird. An Urlauben, an Schwiegereltern, an der Erziehung. Dass sie dort streiten, ist nicht der Beweis, dass sie sich falsch gewählt haben. Es ist der Beweis, dass sie einander ernst genug nehmen, um nicht in allem einverstanden zu sein.
Liebe ist nicht, einander alles zu erzählen
Das dritte Missverständnis klingt harmlos und ist deshalb besonders wirksam. Es sagt: Wer sich liebt, erzählt sich alles. Keine Geheimnisse, keine dunkle Stelle, kein Winkel des eigenen Lebens, den der andere nicht kennte. In vielen Paaren wird das als Qualitätsmerkmal behandelt, und manchmal leiden beide darunter, ohne es zu bemerken.
Es gibt Dinge, die besser nicht geteilt werden. Manche sind trivial, andere nicht. Ein uralter Satz eines Freundes, der den Partner herabsetzte. Eine flüchtige Fantasie, die aufgetaucht und wieder gegangen ist. Eine Enttäuschung, die längst verarbeitet ist. Ehrlichkeit meint nicht, dass jeder Gedanke öffentlich gemacht werden muss. Ehrlichkeit meint, dass nichts verborgen wird, was die Beziehung verändern würde, wenn es ans Licht käme. Das ist ein großer Unterschied.
Liebe ist nicht das Gefühl, ein Ganzes zu sein
Der vierte und vielleicht schönste Mythos lautet, dass zwei Menschen in der Liebe ganz werden. Zwei Hälften eines Ganzen, füreinander bestimmt. Das ist ein Bild, das viel getragen hat und viel zerstört. Es setzt die Erwartung, dass der andere einen Mangel schließen möge, den man vorher an sich selbst nicht beheben konnte.
Gute Beziehungen bestehen selten aus zwei Hälften. Sie bestehen aus zwei erwachsenen, im Wesentlichen für sich selbst zuständigen Menschen, die freiwillig einen Teil ihres Lebens miteinander teilen. Wer das einmal in Worte fasst, verliert nicht die Romantik. Er gewinnt eine Ruhe, die Romantik erst trägt.
Was übrig bleibt
Wenn man das alles wegnimmt, was Liebe nicht ist, schrumpft sie nicht. Sie wird nur leichter tragbar. Es bleibt die tägliche Aufmerksamkeit. Das Interesse am anderen, das nicht immer brennen muss, sondern oft nur gleichmäßig glühen. Die Bereitschaft, den anderen zu meinen, auch wenn man gerade selbst müde ist.
Vielleicht ist das ernüchternd. Vielleicht ist es aber genau das, was Paare jahrelang gesucht haben und, als sie es hatten, für zu wenig gehalten.
