Ein geöffnetes Fenster im Spätnachmittagslicht, der Vorhang bewegt sich leicht

17. April 2024

Verzeihen, was bedeutet das eigentlich

Eine Frau erzählt, sie habe ihrem Mann die Sache verziehen. Drei Jahre später sitzt sie bei einer Freundin am Küchentisch und rührt in einem kalt gewordenen Tee. Sie sagt, sie sei darüber hinweg. Dann fügt sie, fast im selben Atemzug, hinzu, sie könne es nicht vergessen. Und wisse nicht mehr, ob sie ihm wirklich glaubt, wenn er abends spät kommt.

Was hat sie verziehen, wenn sie morgens manchmal noch auf sein Telefon schaut?

Das Missverständnis

Viele Paare glauben, Verzeihen heiße: weg damit. Als könnte man eine Tür zuschlagen, den Raum versiegeln und tun, als sei dort nie etwas gewesen. Das ist aber keine Verzeihung, sondern eine Form von Verdrängung, die sich selbst etwas vormacht. Das Verdrängte kommt wieder. Meist zu einem ungünstigen Zeitpunkt, meist in einem kleinen Streit, der mit der eigentlichen Sache nichts zu tun hat.

Ebenso falsch ist die andere Idee: Verzeihen heiße Nachgeben. Der eine habe etwas getan, der andere sei großmütig und lasse es gut sein. In dieser Vorstellung ist Verzeihen ein Geschenk, das der Geschädigte dem anderen macht. Es schwingt ein leiser Triumph darin mit, und genau deshalb hält es nicht.

Was es vielleicht eher ist

Verzeihen, so wie Paare es tatsächlich leisten, sieht meistens unspektakulärer aus. Es ist eher eine Entscheidung, die über Monate wieder und wieder getroffen werden muss. Die Entscheidung, den anderen nicht an diesem einen Moment festzubinden. Ihn nicht zu reduzieren auf das, was er an diesem einen Abend, in dieser einen Nachricht, in diesem einen Versäumnis getan hat.

Das ist anstrengend. Es ist auch nicht gerecht. Der, dem etwas angetan wurde, muss die Arbeit machen, dem anderen eine Gegenwart zurückzugeben, die nicht nur aus der Vergangenheit besteht. Wer das einmal gemacht hat, weiß, dass das nicht an einem Abend gelingt.

Die Rolle des anderen

Verzeihen funktioniert selten einseitig. Der, der etwas getan hat, trägt eine Aufgabe, die kein Paargespräch ihm abnehmen kann: das Wissen, dass er nicht erwarten darf, die Sache sei erledigt, nur weil eine Woche Ruhe war. Er muss aushalten, dass sie wiederkommt. Am Telefon, das klingelt und er nicht sofort rangeht. In einem Satz, der bei einer anderen Frau leicht wäre und bei seiner schwer.

Wer in solchen Momenten gereizt wird, verliert meistens das, was er gerade erst wieder bekommen hat. Wer ruhig bleibt und den Schatten mitträgt, macht das Verzeihen überhaupt erst möglich.

Der Rest, der bleibt

Es gibt am Ende selten den Tag, an dem beide sagen können, jetzt sei alles gut wie vorher. Vorher ist vorbei. Was entsteht, ist etwas anderes, ein zweites Einvernehmen, das die Verletzung nicht leugnet, aber nicht mehr über allem schwebt.

Manche Paare beschreiben das so: Es bleibt eine kleine Narbe, an der man spürt, dass dort etwas war. Sie tut nicht mehr weh. Aber sie erinnert daran, dass dieses Miteinander nicht selbstverständlich ist.

Vielleicht ist genau das das Brauchbarste, was Verzeihen bedeutet. Nicht ein Wiederherstellen eines früheren Zustands. Sondern die Bereitschaft, gemeinsam in einem neuen zu leben, in dem die Vergangenheit nicht gelöscht ist, aber auch nicht mehr regiert.

Die Frau am Küchentisch stellt ihre Tasse ab. Sie sagt, sie wolle es probieren. Nicht, weil sie sicher sei. Sondern weil das andere, das Nichtprobieren, ebenfalls eine Entscheidung wäre. Und keine, die sie leichter trägt.