Ein Fenster mit Regentropfen, dahinter verschwommen ein Bahnhof

18. April 2025

Die Sehnsucht nach dem Fremden im Vertrauten

Eine Frau sitzt auf einem Bahnsteig und wartet. Sie hat ihren Mann abgeholt, der von einer Reise zurückkommt. Sie kennt ihn, sie weiß, welche Jacke er tragen wird, sie weiß, wer mit ihm aus dem Zug steigt. Trotzdem sucht sie ihn in der Menge, wie man jemand Fremden sucht, von dem man nur ein Foto hat. Für einen Moment, bevor sie ihn erkennt, ist er tatsächlich wieder unbekannt. Sie sieht einen Mann, und sie spürt einen kleinen Ruck, der mit zehn Ehejahren nicht rechnet. Dann winkt er, dann ist er wieder ihr Mann.

Diese Sekunde ist das, worum es geht.

Was Langeweile sagt

Langeweile ist in langen Beziehungen ein ungern gesehenes Gefühl. Sie wirkt wie ein Vorwurf an den anderen. Dabei ist sie keiner. Sie ist, wenn man ihr zuhört, eher eine Beschwerde über die eigene Art zu schauen. Die Welt ist nicht langweilig geworden. Der Blick hat sich daran gewöhnt, bestimmte Dinge nicht mehr zu sehen.

Paare, die lange zusammen sind, ordnen einander mit der Zeit in feste Formen. Er ist der, der unpünktlich ist. Sie ist die, die am Sonntag schlecht gelaunt aufwacht. Diese Zuschreibungen sind praktisch. Sie ersparen Rückfragen, sie geben Orientierung. Sie kosten aber etwas, das man erst vermisst, wenn es weg ist: die Möglichkeit, dass der andere anders sein kann, als man ihn kennt.

Der kleine Riss

Die Sehnsucht nach dem Fremden im Vertrauten ist deshalb keine Sehnsucht nach einem anderen Menschen. Sie ist eine Sehnsucht nach einem Riss in der Form. Nach einem Moment, in dem der eigene Partner einen irritiert, überrascht, kurz sogar unheimlich wird. In dem man ihn nicht sofort einordnen kann. In dem man denkt: So habe ich dich lange nicht gesehen.

Solche Momente entstehen selten durch Anstrengung. Sie entstehen durch Abstand, durch neue Umgebungen, durch Menschen, die einen anders mit dem Partner sprechen sehen. Eine Party, auf der er jemandem eine Geschichte erzählt, die man selbst nicht kennt. Eine Vortragsveranstaltung, auf der sie etwas sagt, was sie noch nie zu Hause gesagt hat. Ein Abend, an dem der andere ein altes Freundespaar trifft, und plötzlich klingt seine Stimme anders. Das ist kein Verrat. Das ist ein Fenster.

Die Versuchung der Abkürzung

Man kann verstehen, warum manche Menschen diese Sehnsucht mit einer Affäre zu beantworten versuchen. Die Affäre liefert genau das, was zu Hause fehlt: einen fremden Menschen, dem man sich wieder ganz erklären muss. Der nichts weiß. Der einen ansieht, als wäre man eine neue Möglichkeit. Für kurze Zeit ist das eine starke Droge. Sie heilt allerdings nicht das ursprüngliche Problem. Sie verlagert es, und sie macht es teurer.

Die schwerere, aber haltbarere Antwort liegt woanders. Sie liegt darin, im eigenen Partner das zu suchen, was man an ihm nicht kennt. Nicht in der Vergangenheit, die man schon gehört hat. In dem, was er heute nicht sagt. In dem, was er wird, wenn man ihn lässt.

Der Partner als Fremder

Es ist ein befremdlicher Satz, aber vielleicht ein nützlicher: Man sollte sich daran gewöhnen, dass der Mensch neben einem ein Fremder ist. Nicht im Sinne von kalt, nicht im Sinne von unerreichbar. Im Sinne von: nie ganz erfasst. In ihm ist immer noch ein Rest, der nicht einem gehört, der nicht ausgerechnet werden kann, der sich bewegt, während man schläft.

Wer diesen Rest zulässt, hört auf, gegen die Langeweile zu kämpfen. Er muss sie gar nicht mehr vertreiben. Er muss den anderen nur, ab und zu, wieder sehen, wie auf diesem Bahnsteig. Für eine halbe Sekunde. Lange genug, um zu merken: So vertraut war das nie gewesen.