Ein Wohnzimmer in der Dämmerung, auf dem Tisch eine halbvolle Teekanne und ein zugeklappter Laptop

7. September 2026

Der Sonntagabend

Gegen halb sieben wird das Licht im Wohnzimmer anders. Draußen fährt jemand die Mülltonne an die Straße, drinnen läuft noch der Fernseher, ohne dass einer hinsieht. Sie hat die Beine angezogen, er blättert auf dem Handy durch etwas, das ihn nicht interessiert. Vor einer Stunde haben sie noch über den Nachbarn gelacht. Jetzt sagt keiner mehr viel, und es ist nicht klar, wann das angefangen hat.

Die Woche kommt früher als der Montag

Es gibt eine Stunde am Sonntag, in der die neue Woche schon im Raum steht, obwohl noch Wochenende ist. Man erkennt sie an Kleinigkeiten. Einer steht auf und schaut in den Kalender. Einer räumt die Kaffeetassen weg, die den ganzen Nachmittag niemanden gestört haben. Die Bügelwäsche, die seit Freitag auf dem Stuhl liegt, wird auf einmal zu einem Thema.

Von außen sieht das nach nichts aus. Für die beiden ist es aber ein Übergang, den sie nicht gemeinsam gehen, sondern jeder für sich. Der eine ist gedanklich schon bei der Besprechung um neun. Die andere hält noch am Sonntag fest, als könnte man ihn mit genügend Stillhalten verlängern.

Zwei Menschen, zwei Uhren

Das Kippen liegt selten an einem Satz. Es liegt daran, dass zwei Menschen in unterschiedlichem Tempo aus dem Wochenende aussteigen. Der eine braucht am Abend noch Nähe, ein Gespräch, eine Hand auf dem Knie, irgendetwas, das den Tag nicht einfach enden lässt. Der andere braucht jetzt Ruhe, um sich zu sortieren, und alles, was von außen kommt, fühlt sich wie eine Forderung an.

Beides ist verständlich. Nur passt es an diesem einen Abend nicht zusammen. Und weil keiner sagt, was er gerade braucht, liest jeder das Verhalten des anderen als Botschaft. Der Rückzug wirkt wie Ablehnung. Die Nähe wirkt wie Druck.

Manche Paare streiten sonntags um zwanzig Uhr über die Spülmaschine. Sie wissen beide, dass es nicht um die Spülmaschine geht. Sie wissen nur nicht, worum sonst.

Was der Abend mit sich bringt

Es kommt noch etwas hinzu, das schwerer zu benennen ist. Der Sonntagabend ist die Stelle, an der man merkt, wie das Wochenende war. Ob es gereicht hat. Ob man sich gesehen hat oder nur nebeneinander Zeit verbracht. Diese Bilanz zieht niemand bewusst, aber sie liegt in der Luft wie der Geruch vom Mittagessen, das lange her ist.

Wenn die zwei Tage gut waren, ist der Abend leicht. Man ist ein bisschen traurig, dass es vorbei ist, und das ist eine schöne Traurigkeit. Wenn die zwei Tage aber zerfasert waren, zwischen Einkauf, Besuch und Wäschebergen, dann trägt der Abend eine Enttäuschung, die sich niemand eingesteht. Sie sucht sich dann ein Ventil. Meistens ein kleines.

Die Stunde vor dem Schlafen

Bei manchen Paaren ist es anders. Sie haben, ohne es je verabredet zu haben, eine Form für diesen Abend gefunden. Eine Suppe, die immer sonntags gekocht wird. Ein Spaziergang um den Block, wenn es schon dunkel ist. Das gemeinsame Anschauen der Woche, mit dem Kalender zwischen sich auf dem Tisch, damit die Montagsbesprechung wenigstens nicht mehr allein im Kopf des einen wohnt.

Das löst nicht alles. Aber es gibt der Stunde ein Gefäß, und ein Gefäß ist mehr, als die meisten Sonntagabende haben.

Um kurz nach neun geht sie ins Bad. Er stellt den Fernseher aus, und die Wohnung ist auf einmal sehr still. Auf dem Tisch liegt der Kalender, aufgeschlagen bei einer Woche, die noch nicht angefangen hat. Morgen früh werden sie sich im Flur begegnen, beide in Eile, und einer wird sagen, dass es ein schönes Wochenende war. Der andere wird nicken, und es wird sogar stimmen.