25. Mai 2024
Alleinsein in der Beziehung
Es gibt eine Einsamkeit, die man nicht in einer leeren Wohnung spürt, sondern auf einem Sofa, auf dem der andere daneben sitzt. Ein Sonntagabend, gegen zehn, die Kinder schlafen längst, im Fernseher läuft irgendetwas, beide haben einen halben Becher Tee vor sich stehen. Sie lehnt sich ein wenig an ihn, er reagiert nicht. Nicht weil er sie abwehren will. Er merkt es nicht. Und in dieser Sekunde, in der er es nicht merkt, wird aus einer gewöhnlichen Nähe ein sehr stiller Schmerz, der sich schwer benennen lässt und darum fast nie laut wird.
Alleinsein in der eigenen Wohnung ist eine Form der Einsamkeit, die viele kennen und mit der man sich einrichten kann. Alleinsein neben jemandem ist eine andere. Sie ist heimlicher, schwerer, und sie wundert sich oft über sich selbst.
Warum sie besonders weh tut
Wer allein lebt, weiß, wofür die Stille da ist. Wer in einer Beziehung allein ist, weiß es nicht. Die Stille sollte eigentlich gefüllt sein. Da ist jemand. Da ist ein Mensch, von dem man einmal geglaubt hat, dass man mit ihm nie mehr allein sein würde. Wenn dieser Mensch trotzdem nicht reicht, um die Stille aufzulösen, entsteht ein doppelter Schmerz: der eigene und der über sich selbst. Man fragt sich, was mit einem nicht stimmt, dass man sich neben dem vertrauten Menschen fremd fühlt.
Diese Frage wird meistens nicht ausgesprochen. Sie ist dafür zu riskant. Wer sie nachts leise denkt, hat am nächsten Morgen keine bessere Antwort, und so läuft das monatelang, manchmal jahrelang.
Zwei Ursachen, die man unterscheiden sollte
Wenn man dieser Einsamkeit länger zuhört, zerfällt sie meistens in zwei verschiedene Ursachen, die nicht dasselbe sind, obwohl sie sich ähnlich anfühlen.
Die erste betrifft den anderen. Der andere ist gedanklich woanders, über längere Zeit. Der Beruf, der Computer, ein Hobby, ein Streit, den er mit einem Kollegen nicht auflöst. In solchen Phasen ist nicht die Beziehung zu dünn, sondern die Aufmerksamkeit des Partners ist zu dünn gestreut. Das kann man benennen, oft sogar mit einem einzigen kleinen Satz, der die Aufmerksamkeit zurückholt. Du bist in letzter Zeit oft woanders, und ich vermisse dich, obwohl du da bist. Keine Anklage. Eine Feststellung.
Die zweite Ursache ist schwerer. Sie betrifft einen selbst. Es gibt Einsamkeit, die man in keine Beziehung hinein delegieren kann. Manche Menschen hoffen, dass ein Partner ihnen ein Gefühl gibt, das sie sich selbst noch nie gegeben haben. Eine Art grundsätzliches Zuhause. Wenn der Partner das nicht liefert, fühlen sie sich getäuscht. Sie merken dann oft nicht, dass niemand das liefern kann, weil es nicht von außen geliefert werden kann.
Die stille Aufgabe der zweiten Sorte
Wer die zweite Form erlebt, hat eine Aufgabe, die man schlecht umgehen kann. Sie ist weniger dramatisch, als sie klingt. Sie beginnt damit, an einzelnen Abenden bewusst etwas allein zu tun, ohne es als Mangel zu empfinden. Ein Buch lesen. Einen Spaziergang machen. Eine halbe Stunde auf dem Balkon sitzen, ohne das Handy, ohne Pläne.
Viele Paare machen in solchen Phasen einen Fehler. Sie versuchen, das Loch mit mehr gemeinsamer Zeit zu füllen. Mehr Abende nebeneinander. Mehr Pläne für das Wochenende. Das verschlimmert das Problem oft, weil es denselben Ort, an dem die Einsamkeit entstanden ist, weiter auflädt. Manchmal ist der klügere Schritt der scheinbar widersprüchliche: weniger gemeinsame Zeit und mehr bewusste eigene Zeit, damit das Alleinsein wieder seinen eigenen Raum bekommt.
Wenn die Nähe zurückkehrt
Nach einer Weile, manchmal erst nach Monaten, bemerkt ein Paar, bei dem einer der beiden seine eigene Einsamkeit ernst nimmt, etwas Seltsames. Die Abende nebeneinander werden weniger peinvoll. Der Kopf, der früher laut nach der Aufmerksamkeit des Partners gesucht hat, beruhigt sich. Und in dieser Beruhigung wird der andere plötzlich wieder sichtbar, nicht als Auflösung einer Sehnsucht, sondern als ein anderer Mensch, der auch dasitzt.
Das klingt trocken. Es ist das Gegenteil von trocken. Es ist der Punkt, an dem zwei Einsamkeiten aufhören, voneinander Rettung zu erwarten, und dadurch wieder zu einander finden können, ohne sich aufzuzehren.
Ein einfacher Satz
Vielleicht lässt sich all das zusammennehmen in einem schlichten Satz: Zwei Menschen, die neben sich selbst allein sein können, sind füreinander leichter zu ertragen als zwei Menschen, die sich gegenseitig ihre Einsamkeit austreiben sollen.
Das ist kein Rezept. Das ist nur eine leise Beobachtung. Aber sie erklärt viele Sofas am Sonntagabend, auf denen nicht die Beziehung gescheitert ist, sondern eine alte Erwartung an sie.
